Zur Mehrsäulendebatte

Liebe Leute

Nur mal so ein paar Gedanken zur Mehrsäulen-Debatte, durchaus zugespitzt, damit es deutlich wird, was ich meine, aber hoffentlich so, dass es uns alle weiterbringt und nicht in die verbalen Schützengräben treibt.

Also: Irgendwie kann ich ja vieles nachvollziehen, von dem, was Ihr Verfechter des Mehrsäulen-Modells schreibt, aber es bleiben Zweifel und die möchte ich hier artikulieren:

1. Mich beschleicht bei dieser Argumentation immer so ein komisches Gefühl, als ob es letztendlich auch um die Befürchtung geht, mit dem eigenen "Lieblingsthema" unterzugehen, wenn gerade andere Themen mobilisierungsfähiger sind. Und dann wird nach dem Motto argumentiert: Wenn Ihr mein persönliches Wichtig-Thema nicht genügend beachtet, genau dann geht das politisch für uns alle nach hinten los. Mal ehrlich, ist doch so, oder?

Es wird behauptet, alles gehöre doch zusammen und mensch könne doch kein Klimacamp machen und einige anderen Probleme der Welt einfach ausblenden.

Ja warum eigentlich nicht? Die große "Out of control"-Demo in Hamburg beschäftigt sich doch auch nicht mit allen Themen gleichrangig. Da ist das plötzlich ohne Probleme möglich und es gibt sogar noch einen kleinen Tadel, dass sich Leute gleichzeitig zu einem anderen Thema, nämlich zur Vorbereitung des Klimacamps, treffen wollen.

Auch die antirassistische Bewegung macht doch genügend "single-issue"-Aktionen, weil sie eben doch in vielerlei Hinsicht Sinn machen und es gar nicht funktioniert, bei jeder Aktion jeden gesellschaftlichen Widerspruch mitzudenken.

Und natürlich ist es möglich, auch mit "single-issue"-Aktionen, wenn sie denn klug vorbereitet sind, das "große Ganze" in Frage zu stellen. Beispielsweise ergibt sich die Sicherheitsdebatte ganz automatisch, wenn Aktionen Zivilen Ungehorsams ins Spiel kommen und die Staatsmacht entsprechend auffährt.

2. Ja, eine Landwirtschaftsdemo und eine antirassitische Demo machen mehr Freude und Mut, wenn etliche Tausend sich beteiligen, keine Frage. Das war rund um Heiligendamm ein dicker Pluspunkt, wenn der auch auch einzig und allein nach innen gewirkt hat. Die Außenwahrnehmung dieser Demos war leider kaum besser als bei den üblichen kleinen Protesten zu diesen Themen. Da ging leider viel zu viel im dröhenden allgemeinen G8-Grundrauschen unter.

Auch sind die positiven Erfahrungen nicht übertragbar auf die dahinter stehenden Alltagskämpfe, weil nämlich nicht jede/r jeden Tag gegen alles gleichzeitig Widerstand leisten kann, obwohl es ja eigentlich nötig wäre, da sind wir uns einig. Und so wie es erlaubt sein muss, persönlich Prioritäten zu setzen und sich den eigenen "Lieblingskampf" (oder auch drei) auszusuchen, so ist das auch für ganze Bewegungen oder Camps möglich.

Wenn sich irgendwo eine Gelegenheit zur Zuspitzung von Konflikten ergibt, weil das Thema gerade auf der Tagesordnung der Gesellschaft ist und viele Menschen bewegt, dann sollten wir das auch genau so singulär nutzen und nicht zu einem unscheinbaren Einheitsbrei zerkochen, bei dem sich die Themen so lange gegenseitig die Aufmerksamkeit rauben würden, bis überhaupt nichts mehr sichtbar ist (Stichwort Grundrauschen).

3. Dass in Heiligendamm unterschiedlichste Spektren, Politik- und Aktionsansätze zusammengekommen sind, hatte nicht nur Vorteile. Es gab ja durchaus eine ganze Reihe von Leuten, die mit der einen oder anderen Ausprägung große Schwierigkeiten hatten und berechtigterweise die Wirkung des jeweils eigenen Ansatzes durch konkurrierende Ansätze gefährdet sahen.

Mal theoretisch und platt anhand der Gewaltfrage auf die Spitze getrieben: Sowohl wenn sich alle 20.000 in der Gipfel-Woche anwesenden AktivistInnen auf ein offensiv Vorgehen inklusive massiver Gewaltanwendung auch gegen Polizeikräfte verständigt hätten (grusel!) als auch wenn sich alle 20.000 auf ein offensives und auch nach außen klar so propagandiertes strikt gewaltfreies Vorgehen verständigt hätten, wäre ein Durchkommen bis vor das Hotel möglich gewesen. So blieb es beim (relativ gewaltfreien) Mischmasch und endete vor den Toren des Zaunes.

Ähnliches lässt sich (mit einem Ergebnis unter tendenziell umgekehrten Vorzeichen) für die Demo am 2.6. in Rostock sagen, wobei es da weniger um topografische, sondern um politische Geländegewinne ging.

4. Wer es vorher noch nicht wusste, hat spätestens mit der Eskalation rund um den ASEM-Gipfel in Hamburg (kurz vor Heiligendamm) erfahren, wie Hamburger Polizei und Teile der Hamburger autonomen Linken sich aufeinander beziehen. So wissen wir jetzt auch, was wir zu erwarten hätten, wenn es im nächsten Sommer gleichzeitig mehrere Camps mit unterschiedlichen Aktionskulturen ausgerechnet in und um Hamburg gäbe.

Dann droht uns ein ähnlich unangenehmer "single-issue"-Effekt wie in Rostock am 2.6.07. Da redet dann keine/r mehr über die diversen "Säulen", weder übers Klima noch über die Rechte von MigrantInnen.

5. Ich bin davon überzeugt, dass das "single issue" Klima ausreicht, um eine wirklich überzeugend große aktionsfähige Gruppe zusammenzubringen.

Zum einen ist die mobilisierende Wirkung einer solchen Veranstaltung um so größer, je klarer vorher kommuniziert wird, auf was sich die Leute einlassen und was genau sie erwartet, wenn sie da hinfahren. Damit meine ich nicht nur Aktionsformen und Campkultur, sondern auch eine klare politische Zuspitzung an wenigen wesentlichen Konfliktlinien.

Zum anderen kann dieses Klimacamp ab einer bestimmten Dynamik zum Selbstläufer werden, weil ne Menge Leute sich dieses Ereignis und die damit verbundenen politischen Chancen nicht entgehen lassen wollen, nach dem simplen Motto: Wenn wir viele sind, wird es richtig gut, also lass uns viele sein.

6. Ja und damit wäre ich wieder am Anfang angekommen, weil das natürlich genau das ist, was manche "Mehrsäulen"-VerfechterInnen befürchten: dass nämlich 2008 viele den Konflikt ums Klima spannender finden, als all die anderen Kämpfe.

Das ist zwar für die anderen Kämpfe von Nachteil, aber das war Heiligendamm letztendlich auch: Viele wichtige poltische Initiativen sind in diesem Jahr auf dem Zahnfleisch gekrochen oder mussten mit ihrem angestammten Thema ganz pausieren, weil der G8-Protest alles andere überstrahlte und gigantische Kräfte aller linken Spektren absorbiert hat. Das haben wir alle in Kauf genommen und fanden es halbwegs wirkungsvoll.

Mein Vorschlag: Mehrere Camps, zeitlich getrennt, an völlig unterschiedlichen Orten, jedes zu einem anderen Thema. Und eins davon ist das Klimacamp. Die richtig Aktiven können dann ja gleich mehrmals campen.

Jochen Stay (Dezember 2007)


PS: Beim Bauplatz eines Kohlekraftwerks sollte es nicht vor den Toren des Zauns enden, so nett das in Heiligendamm auch war.

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